Genervt von Gels? Süß & Salzig als deine Rettung im Ultra-Trail
Von Lena — übersetzt aus einem Artikel von Clara Atem Veröffentlicht am 05/03/2026 um 07h05 — geändert am 04/03/2026 um 07h05 Lesezeit : 6 minutes
Bildnachweis: AI Generated
Kilometer 60. Es ist mitten in der Nacht. Und alles, was du noch im Rucksack hast, ist dieses eine, klebrig-süße Gel. Allein der Gedanke daran dreht dir den Magen um. Kennst du das? Ich kenne das nur zu gut.
Ich erinnere mich an einen meiner ersten Ultras in den Alpen. Die Landschaft war atemberaubend, meine Beine fühlten sich erstaunlich gut an, aber mein Magen? Der war kurz vor der Kapitulation. Nach Stunden voller süßer Gels, süßer Riegel und süßer Iso-Getränke schrie mein Körper förmlich nach etwas... anderem. Etwas Echtem. Etwas Salzigem. Damals habe ich an einer Verpflegungsstation eine Tasse heiße Brühe getrunken und es war eine Offenbarung! 🤩 In diesem Moment habe ich verstanden: Die richtige Verpflegungsstrategie ist mehr als nur das Zählen von Kalorien. Es geht um Balance, um Genuss und darum, deinem Körper das zu geben, wonach er wirklich verlangt.
Viele von uns machen den gleichen Fehler: Wir verlassen uns blind auf die Marketingversprechen der Gel-Hersteller und zwingen uns eine rein süße Diät auf, die im Training vielleicht noch funktioniert, aber im Wettkampf zur Qual wird. Doch das muss nicht sein! Heute möchte ich meine erprobten Strategien mit dir teilen, wie du durch die clevere Kombination von süß und salzig nicht nur Magenproblemen den Garaus machst, sondern auch wieder Freude am Essen während deines Ultra-Trails findest. Lass uns loslegen!
Warum dein Magen bei Kilometer 50 rebelliert: Das Problem mit der "Nur-Süß-Strategie"
Bevor wir in die Lösungen eintauchen, lass uns kurz verstehen, warum die ausschließliche Konzentration auf süße Energiequellen oft nach hinten losgeht. Es ist kein persönliches Versagen, wenn du plötzlich eine Abneigung gegen Gels entwickelst – es ist eine völlig normale physiologische und psychologische Reaktion deines Körpers.
Die Wissenschaft hinter der "Gel-Müdigkeit" (Flavor Fatigue)
Stell dir vor, du isst den ganzen Tag nur noch dein Lieblingsdessert. Ziemlich schnell würde es dir zum Hals raushängen, oder? Genau das ist "Flavor Fatigue" oder Geschmacksermüdung. Unser Gehirn ist darauf programmiert, eine Vielfalt an Geschmäckern zu suchen. Das ist ein evolutionärer Schutzmechanismus, der sicherstellt, dass wir eine breite Palette an Nährstoffen aufnehmen. Wenn wir unserem Körper über Stunden hinweg immer wieder den gleichen, extrem intensiven süßen Geschmack zuführen, beginnt er zu rebellieren. Das Gehirn entwickelt eine Aversion und verbindet den Geschmack mit der extremen Anstrengung und dem Unwohlsein. Das Ergebnis: Du kannst das nächste Gel einfach nicht mehr runterwürgen, selbst wenn du weißt, dass du die Energie dringend brauchst. 🤢
Der Zucker-Crash und seine Folgen für deine Leistung
Die meisten Gels basieren auf schnell verfügbaren, einfachen Zuckern wie Maltodextrin oder Fruktose. Sie geben dir einen schnellen Energieschub, was sich erstmal gut anfühlt. Das Problem? Wenn du dich nur darauf verlässt, kann dein Blutzuckerspiegel zur reinsten Achterbahnfahrt werden. Ein schneller Anstieg gefolgt von einem ebenso schnellen Abfall. Dieser Crash führt zu plötzlicher Müdigkeit, Konzentrationsschwäche und dem Gefühl, gegen eine Wand zu laufen. Eine nachhaltige Energieversorgung sieht anders aus. Sie braucht eine Mischung aus verschiedenen Kohlenhydratquellen und eben auch anderen Makronährstoffen, die die Energieabgabe verlangsamen und stabilisieren.
Mehr als nur Kalorien: Der unterschätzte Elektrolytverlust
Beim Laufen schwitzen wir. Und mit dem Schweiß verlieren wir nicht nur Wasser, sondern auch lebenswichtige Mineralien – allen voran Natrium. Natrium ist entscheidend für die Muskelfunktion, die Nervenreizleitung und den Flüssigkeitshaushalt. Ein Mangel kann zu Muskelkrämpfen, Schwindel, Übelkeit und im schlimmsten Fall zu einer gefährlichen Hyponatriämie führen. Viele süße Gels enthalten zwar einige Elektrolyte, aber oft nicht in der Menge, die wir bei einem langen Ultra verlieren. Dein Körper weiß das. Das Verlangen nach etwas Salzigem ist oft ein instinktives Signal deines Körpers, dass er dringend Natrium benötigt. Dieses Signal zu ignorieren, ist einer der größten Fehler, die du machen kannst.
Die süß-salzige Revolution: So bringst du Geschmack und Energie zurück ins Rennen
Okay, genug der Problembeschreibung. Jetzt wird es praktisch! Wie schaffen wir es, die perfekte Balance zu finden? Es geht darum, eine flexible Strategie zu entwickeln, die du im Training testest und im Wettkampf an die Bedingungen und dein Gefühl anpassen kannst. Hier sind meine drei bewährtesten Strategien.
Strategie 1: Der simple stündliche Wechsel
Das ist die einfachste und effektivste Methode, um anzufangen. Das Prinzip ist kinderleicht: Du wechselst deine Energiequelle stündlich zwischen süß und salzig. Das verhindert die Geschmacksermüdung und stellt sicher, dass du kontinuierlich sowohl schnelle Kohlenhydrate als auch wichtige Elektrolyte zu dir nimmst.
So könnte das aussehen:
- Stunde 1: Ein Energie-Gel deiner Wahl + Wasser.
- Stunde 2: Eine Handvoll Salzbrezeln oder 3-4 salzige Cracker.
- Stunde 3: Ein Fruchtpüree-Quetschie oder ein paar Energy Chews.
- Stunde 4: Eine kleine, gekochte und gesalzene Kartoffel oder ein paar Oliven.
Mein Tipp aus eigener Erfahrung: Ich bereite mir für lange Läufe kleine, gekochte Drillinge (Kartoffeln) vor, schneide sie in der Mitte auf und gebe eine gute Prise Meersalz darauf. Eingewickelt in Alufolie sind sie der perfekte herzhafte Snack für unterwegs. Fühlt sich an wie eine richtige kleine Mahlzeit und gibt mir mental einen riesigen Schub!
Strategie 2: Die "Hybrid-Verpflegung" an den Aid Stations
Verpflegungsstationen sind dein Gourmet-Buffet auf der Strecke – wenn du sie richtig nutzt! Statt wahllos zuzugreifen, solltest du einen Plan haben. Nutze die Stationen, um deine mitgebrachten Snacks mit frischen, herzhaften Optionen zu ergänzen.
Mein bewährter Aid-Station-Plan:
- Erstmal Trinken: Fülle deine Flaschen auf. Nimm einen Becher Wasser oder Cola.
- Dann das Salzige: Greif zuerst zur Brühe! Eine warme Tasse Bouillon wirkt Wunder. Sie wärmt, hydriert und füllt deine Salzspeicher auf. Ein paar Salzstangen, ein Stück Käse oder ein paar TUC-Cracker sind ebenfalls Gold wert.
- Zuletzt das Süße (wenn überhaupt): Wenn du danach noch Lust auf Süßes hast, nimm ein Stück Banane, Orange oder ein kleines Stück Kuchen. Aber das Salzige hat Priorität.
Dieser Ansatz stellt sicher, dass du die wichtigste Komponente – das Salz – nicht vergisst, wenn du vom Angebot überwältigt bist. Es ist eine mentale Stütze, die im Rennstress den Unterschied machen kann.
Strategie 3: DIY – Deine eigene süß-salzige Power-Nahrung
Nichts geht über selbstgemachte Verpflegung! Du weißt genau, was drin ist, kannst den Geschmack perfekt auf dich abstimmen und es ist oft viel magenverträglicher. Hier sind ein paar meiner Favoriten, die sich super vorbereiten und mitnehmen lassen:
- Gesalzene Dattel-Nuss-Bällchen: Mixe entsteinte Datteln, Mandeln (oder Cashews), einen Löffel Nussmus und eine kräftige Prise Meersalz im Mixer. Zu kleinen Bällchen formen – fertig ist der perfekte süß-salzige Happen.
- Mini-Reisbällchen (Onigiri): Koche klebrigen Sushi-Reis, lass ihn abkühlen und forme mit nassen Händen kleine Bällchen. Du kannst sie einfach nur mit Salz würzen oder mit einem kleinen Stück salziger Umeboshi-Pflaume füllen. In Frischhaltefolie gewickelt sind sie ein fantastischer, magenschonender Kohlenhydratlieferant.
- Kartoffelbrei im Quetschbeutel: Klingt komisch, ist aber genial! Koche Kartoffeln, zerstampfe sie mit etwas Wasser oder Hafermilch zu einem Brei, würze kräftig mit Salz und fülle alles in einen wiederverwendbaren Quetschbeutel. Im Rennen bekommst du so halbflüssige, herzhafte Energie, die super einfach zu verdauen ist.
Das Experimentieren mit eigenen Rezepten im Training macht nicht nur Spaß, sondern gibt dir auch die absolute Kontrolle über deine Rennverpflegung. Das kannst auch Du schaffen!
Dein Rucksack-Buffet: Konkrete Beispiele für die perfekte Mischung
Okay, die Theorie steht. Aber was packst du nun konkret für einen 100-km-Lauf ein? Hier ist eine beispielhafte Liste, die dir als Inspiration dienen kann. Denk dran: Das ist sehr individuell und du musst im Training herausfinden, was für DICH am besten funktioniert.
Süße Optionen (die trotzdem funktionieren 💪)
- Gels mit mildem Geschmack: Zitrone, salziges Karamell oder geschmacksneutrale Varianten sind oft besser verträglich als extrem fruchtige wie Waldbeere.
- Fruchtpürees / Quetschies: Oft natürlicher im Geschmack und leichter für den Magen.
- Energy Chews / Gummibärchen: Gut portionierbar und eine willkommene Abwechslung in der Textur.
- Getrocknete Früchte: Datteln, Feigen oder Aprikosen sind natürliche Energielieferanten.
Herzhafte & salzige Retter cứu
- Gesalzene Nüsse: Mandeln, Cashews oder Erdnüsse liefern Energie, Fett und Salz. Aber Vorsicht: Nur in Maßen, da Fett die Verdauung verlangsamt.
- Salzbrezeln oder Cracker: Der Klassiker. Leicht, einfach zu essen und voller Salz und Kohlenhydrate.
- Gekochte, gesalzene Kartoffeln: Wie schon erwähnt – mein persönlicher Favorit.
- Beef Jerky oder vegane Alternativen: Für alle, die etwas zum Kauen brauchen. Liefert Protein und viel Salz.
- Kleine Käsewürfel: Ein Babybel oder ein paar Würfel Bergkäse können ein wahrer Genuss sein.
- Elektrolyt-Kapseln: Die konzentrierte Lösung. Wenn du nichts Salziges essen kannst oder willst, ist eine Salzkapsel pro Stunde eine gute Alternative.
Das richtige Timing: Wann dein Körper nach Süßem und wann nach Salzigem verlangt
Die perfekte Mischung zu haben ist eine Sache. Sie zur richtigen Zeit einzusetzen, eine andere. Dein Bedarf ändert sich im Laufe eines langen Rennens. Lerne, auf die Signale deines Körpers zu hören.
Die ersten Stunden: Die Basis legen
Am Anfang des Rennens sind deine Glykogenspeicher noch voll und dein Magen ist robust. Hier kannst du gut auf leicht verdauliche, eher süße Kohlenhydrate setzen, um die Speicher zu schonen. Ein Gel oder ein paar Chews pro Stunde funktionieren hier für die meisten gut. Aber integriere ruhig schon früh eine kleine salzige Komponente, zum Beispiel durch ein Elektrolytgetränk, um den Salzverlust von Beginn an auszugleichen.
Die Mitte des Rennens: Der Wendepunkt
Hier, so zwischen Kilometer 40 und 70, schlägt die „Flavor Fatigue“ am härtesten zu. Jetzt ist der Zeitpunkt, bewusst auf herzhafte Alternativen umzusteigen. Dein Körper hat schon viel Salz verloren und verlangt danach. Dies ist der Moment für die Kartoffel, die Brezeln oder die Tasse Brühe an der Verpflegungsstation. Viele Athleten machen den Fehler, zu spät mit der richtigen Ernährung zu beginnen. Das ist einer der typischen Ernährungsfehler beim Ultra-Trail, die ein Rennen ruinieren können. Wenn du merkst, dass du einen leichten Ekel vor Süßem entwickelst, ist das ein klares Signal: Wechsle sofort auf Salziges!
Die Nacht und die letzten Kilometer: Wenn der Magen sensibel wird
In der Nacht und gegen Ende des Rennens wird die Verdauung oft träge und der Magen extrem sensibel. Feste Nahrung ist jetzt oft schwierig. Das ist die Zeit für flüssige oder breiige Nahrung. Warme Brühe ist hier unschlagbar. Auch der Kartoffelbrei aus dem Quetschbeutel oder ein Fruchtpüree können jetzt deine Rettung sein. Konzentriere dich auf einfache, bewährte Dinge. Manchmal kann auch eine Cola Wunder wirken – der Zucker und das Koffein geben einen letzten Schub. Aber vergiss auch hier deine Salzzufuhr nicht, zum Beispiel durch eine Elektrolytkapsel.
Das kannst auch Du schaffen: Finde deine persönliche Genuss-Strategie
Am Ende des Tages gibt es nicht die eine, perfekte Ernährungsstrategie für alle. Wir sind alle unterschiedlich. Was für mich funktioniert, muss nicht perfekt für dich sein. Aber das Prinzip der süß-salzigen Balance ist universell. Es befreit dich aus der Abhängigkeit von klebrigen Gels und gibt dir die Kontrolle über deine Energie und dein Wohlbefinden zurück.
Sieh dein Training nicht nur als Training für die Beine, sondern auch für den Magen. Experimentiere! Packe bei deinem nächsten langen Lauf eine bunte Mischung ein. Finde heraus, ob du eher der Kartoffel-Typ oder der Brezel-Typ bist. Lerne, auf die leisen Signale deines Körpers zu hören, bevor er laut schreien muss. Verpflegung beim Ultra-Trail muss keine lästige Pflicht sein. Sie kann ein Teil des Abenteuers werden, ein Moment des Genusses und der Selbstfürsorge mitten in der Anstrengung.
Ich verspreche dir: Wenn du deine perfekte süß-salzige Balance gefunden hast, wirst du nicht nur schneller und stärker sein, sondern auch mit einem Lächeln im Gesicht die Ziellinie überqueren. Also, trau dich und probier es aus! Es geht nicht nur darum, ins Ziel zu kommen, sondern den Weg dorthin zu genießen – mit jedem Schritt und jedem Bissen. ✅
Antworten auf deine Fragen zur Ultra-Trail-Verpflegung
Wie oft sollte ich beim Ultra-Trail essen?
Eine gute Faustregel ist, alle 45 bis 60 Minuten eine Kleinigkeit zu essen, um eine kontinuierliche Energiezufuhr zu gewährleisten. Das entspricht etwa 200-300 Kalorien pro Stunde, je nach Körpergewicht und Intensität. Wichtiger als die genaue Zeit ist die Regelmäßigkeit. Warte nicht, bis du einen Hungerast hast – dann ist es meist schon zu spät.
Kann ich mich nur von fester Nahrung ernähren und auf Gels komplett verzichten?
Ja, das ist absolut möglich und viele erfolgreiche Ultra-Läufer tun dies. Es erfordert jedoch mehr Planung und Training, um herauszufinden, welche "echten" Lebensmittel dein Magen unter Belastung verträgt. Feste Nahrung liefert nachhaltigere Energie, braucht aber auch etwas länger zur Verdauung. Eine Mischung aus fester Nahrung (z.B. Kartoffeln, Riegel) und halbflüssiger Nahrung (z.B. Pürees, Gels in den entscheidenden Phasen) ist für viele der ideale Mittelweg.
Was mache ich bei akuter Übelkeit im Rennen?
Bei akuter Übelkeit solltest du als Erstes das Tempo reduzieren oder sogar eine Gehpause einlegen, um dein Verdauungssystem zu entlasten. Vermeide sofort alles Süße. Versuche, schluckweise klares Wasser oder Tee zu trinken. Oft helfen sehr einfache, salzige Dinge wie ein paar Salzstangen oder eine klare Brühe. Manchmal kann auch ein Stück Ingwer oder ein Ingwer-Bonbon den Magen beruhigen. Zwinge dich auf keinen Fall zum Essen.
Wie teste ich meine Ernährungsstrategie am besten vor dem Wettkampf?
Der beste Weg ist, deine langen Trainingsläufe als Generalprobe für den Wettkampf zu nutzen. Simuliere die Rennbedingungen so gut wie möglich: Stehe zur gleichen Zeit auf, iss das gleiche Frühstück und nimm exakt die Verpflegung mit, die du im Rennen verwenden möchtest. Teste verschiedene Produkte und Kombinationen, um zu sehen, was dein Magen verträgt und was dir auch nach mehreren Stunden noch schmeckt. Führe ein kleines Ernährungstagebuch, um deine Erfahrungen festzuhalten.